Gedenkkreuze für Unfallopfer
Strassenränder in Sachsen-Anhalt
Eine Photodokumentation zur Alltagskultur


"Das Auffallendste an Denkmälern ist, dass man sie nicht bemerkt. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler." Robert Musil


Beobachtung

Es ist ein falscher Tod. Jedesmal wenn man ein solches Kreuz sieht, fragt man sich, wieso gerade hier. Man fragt nicht nach dem Warum. Es gibt keine Gründe. Es ist ein falscher Tod, am falschen Platz und zur falschen Zeit. Diese Kreuze haben keinen sakralen Wert. Es sind topographische Markierungen für die Unorte des Sterbens. Die Kreuze stehen "unterwegs". Dort schließt sich kein biographischer Kreis.

Man weiß, es sind Erinnerungen an zumeist junge Menschen, die ganz andere Ziele hatten, oder zumindest hätten haben sollten, als diesen Straßengraben. Sie sind nicht einmal nach Hause gekommen, oder zu ihren Freunden. Im Deutschen gibt es dafür den martialischen Ausdruck: "sie sind dort liegengeblieben", als wäre es eine Schlacht aus der sie nicht wiedergekommen sind. Die Kreuze bezeichnen die Orte, an denen die Vitalität auf ihre Protagonisten tödlich zurückgeschlagen hat.

Die Hinterbliebenen versuchen, sich in ihrer Trauer selbst zu helfen. Diese Art der Trauerbewältigung wirkt banal und ungelenk. Die Trivialität und Hilflosigkeit sind das eigentlich Beeindruckende, sie schützen. Kein Anwohner und keine Behörde wagt es, sich an diesen Mahnkreuzen zu vergreifen. Es sind Zeichen menschlicher Tragödien, zugleich hilflose und beklemmende Bilder am Straßenrand, Tabuzonen mit Akzeptanz im öffentlichen Raum, ein lautloser Appell an die Anderen, in der Hoffnung auf Anteilnahme und ein Bitten um Mitgefühl. Sie sind spontane, unverfälschte, menschliche Äußerungen, bildhafter, immer wieder ins Gedächtnis rufender, Trauer.


Es geht um eine nüchterne und wertungsfreie Bestandsaufnahme. Eine Vollständigkeit, auch nur temporär, ist nicht vorstellbar oder erstrebenswert. Eine Auswahl wird nicht vorgenommen. Die Dokumentation wird in der Form einer Photoreportage erstellt. Die Arbeiten sollen in ihrer sachlichen Akkuratesse für sich selbst sprechen. Bei den Aufnamen wird darauf geachtet, dass jede Form von Inszenierung oder vorgreifender Deutung vermieden wird.
Der Sinn der Arbeit besteht darin, eine Seite der Alltagskultur zu dokumentieren, die zwar in vielen Köpfen präsent ist, die jedoch von enormen Verdrängungsmechanismen begleitet wird. Der künstlerische Aspekt ist der des Spurensammlers. Es fasziniert das Phänomen dieser Orte. Die Spontaneität, mit der diese Orte der Trauer ihre Markierung erfahren und ihre teilweise liebevolle Pflege, sind es wert, aufgezeichnet zu werden. Die Häufung der Kreuze sind ein Hinweis auf Lebensprobleme der jungen Generation. Der Versuch, die Namenlosigkeit aufzuheben, zeigt sich in diesen modernen Epitaphien.

Die Photographien sollen so präsentiert werden, dass sie in einer Wanderausstellung gezeigt werden können. Ansprechpartner wären Galerien, Jugendeinrichtungen, Schulen, Universitäten, Kirchen, Rathäuser und sonstige administrative Einrichtungen.

Möglich und erstrebenswert wäre auch die Nutzung zu Forschungszwecken. Das Bildmaterial könnte Arbeiten von Soziologen, Religionswissenschaftlern und Verkehrsplanern anregen.


Rüdiger Giebler